Zu Hause! angekommen? angekommen!

Auch wenn der Reise „formal“ noch eine kleine Etappe fehlt, ist sie doch zu Ende. Dies soll vorerst auch der letzte Blog werden.
Jucunda liegt auf den Azoren auf Terceira in „Praia do Vittoria“ und wartet darauf Anfang August von Julius und mir nach Lissabon gesegelt zu werden. Dort wird sie zum Überwintern an Land gestellt. Von Lisabon aus soll es dann Jahr für Jahr in Etappen nach Hamburg gehen. So können wir die schönen Atlantikküsten Spaniens und Frankreichs ein zweites Mal geniessen.

Man kann elf Monate auf See nicht in wenigen Sätzen zusammenfassen.
Dennoch kaum wieder zu Hause wurde ich mehrfach mit Fragen konfrontiert „Was war denn nun das Beste?“ oder „Nenne mal die Top 5 der Reise?“ und so weiter…..

Ich wage einen Versuch – vielleicht auch für mich selbst – die Frage nach den „Top X“ zu beantworten.

Vorab: im Mittelpunkt aller Erfahrungen steht ein anderes Lebensgefühl, geprägt von einer bislang ungekannten Freiheit, einem anderen Umgang mit Zeit und einer sensibleren Wahrnehmung der Dinge und Menschen die einen umgeben. Es ist dieses Lebensgefühl, das den Unterschied zu einem Urlaub ausmacht und damit die Erfahrungen prägt.

Die Menschen: Die, die wir unterwegs getroffen haben, an Land, auf anderen Booten, Segler verschiedenster Nationen, „Locals“ der besuchten Inseln und Küsten, unsere Mitsegler, Familie und Freunde, die uns besucht haben – die teils intensive Zeit zusammen, die vielen langen Gespräche, neue Freundschaften oder auch nur kurze Intermezzos. Der Rest der Reise ist „nur“ die Kulisse für diese Begegnungen.

Länder die verzaubern: Zwei Länder haben es mir besonders angetan. Kuba wegen seiner ganz eigenen Art des Seins und die Bahamas wegen der unendlichen Leuchtkraft des Wassers.
Kuba regt zum Nachdenken an, wie eine Gesellschaft funktionieren sollte bzw. funktionieren kann. Es versprüht seinen eigenen Charme und hat eine ganz eigene Identität. Kuba bewegt den Geist und das Herz.
Die Bahamas haben ihr eigenes Licht. Das Wasser reflektiert nicht passiv, es leuchtet aktiv. Hunderte von Kilometern 3-5 Meter tiefes Wasser, darunter weißer Sand, dazwischen kleine zerklüftete Inseln, darüber blauer Himmel – und das Türkis des Meeres leuchtet, als wenn jemand unendlich viele kleine Lampen unter Wasser eingebaut hätte.

Natur pur: Natur erleben durch alle Poren. Das Salzwasser in den Ohren, den Wind um die Nase, entweder einen Meter über oder unter dem Wasser – man erlebt die Umgebung immer nah und direkt im Element.
Seevögel vom kräftigen Pelikan zum filigranen Fregattvogel, Fische vom ausgewachsenen Hai zum bunten Korallenfisch, Krebse und Hummer, Delphine und Wale, die Vielfalt der Pflanzen an Land und im Meer. Es ist nicht die gebuchte Safari, es ist die tägliche Nähe, das Spüren und die Selbstverständlichkeit mit der die Natur einen jeden Tag umgibt.

Nächte auf See: Die Nächte auf See sind besonders. Meist ist man alleine, der Rest der Crew schläft, man konzentriert sich auf die Geräusche aus Wasser und Wind, denkt nach über das „Schwarz“ in das Jucunda in jeder Welle hineinstampft, freut sich über Vollmond zur Orientierung genauso wie über den Sternenhimmel bei Neumond. Die eigenen Gedanken gehen spazieren. Es ist ein Fest für die Sinne – mit sich allein. Nur schade, dass man dabei oft hundemüde ist.

Jucunda: Das richtige Schiff gibt den richtigen Rahmen. Es erlaubt all die schönen Dinge intensiv zu genießen und sich nicht ständig mit Sorgen um Sicherheit und Reparaturen zu plagen. Jucunda hat uns perfekt begleitet und war unser sicheres Zuhause.
Die Beziehung zum Schiff wird über die Zeit zu einer emotionalen Angelegenheit und damit ein eigenes Erlebnis – egal ob man im Sturm durch die Wellen rauscht oder am Anker in der Koje liegt.

Das schönste einzelne Ereignis dieses Jahres war ohne den geringsten Zweifel mein runder Geburtstag in Santander. Das Fest hat mich beflügelt, zutiefst erfüllt und die Erinnerung daran das ganze Jahr begleitet. Was eine tolle Party, welch eine Freude und welch ein Geschenk.

Am Ende bleibt ein Gefühl großer Dankbarkeit. Danke für das Erlebte aber mit gleicher Kraft Danke für das Zurückkommen nach Hause!

PS: Die Bilder der Azoren folgen heute noch….

FINALE

Otmar letztmalig
Logbucheintrag Flottillencommander Frank Kurth 29.05.,19.22.Uhr local time, Land in Sicht
Wie soll ich das beschreiben?
Da sizte ich am Sonntagabend um 19.22 Uhr  local time  nach 1766 sm auf dem Vorschiff, schaue auf die Wellen, träume so vor mich hin  und dann plötzlich am Horizont noch 34 sm entfernt?
Land in Sicht???!!!!
Zunächst hab ich niemanden der Crew informiert und mir das Fernglas geholt, aber es war keine Wolkenfront, es war tatsächlich Land. Und dann ging bei allen ein Strahlen über das Gesicht. Freude pur. Wir haben es geschafft!! Einmal quer über den Atlantik und dann die Punktlandung. Die Insel Flores. Auch wenn es nicht wie geplant der Hafen Horta auf der Nachbarinsel Faial war ( Frank hat in seinem Blog die Gründe dafür ausführlich kommentiert) wir waren  sogar vor dem Zeitplan. Schönen Gruß an die Deutsche Bundesbahn.
Die restlichen 900sm sind aber auch rasend schnell von der Meilenuhr abgelaufen.
Wollt Ihr wissen wie die zweite Halbzeit verlaufen ist?
Zunächst erlaubt mir bitte einige Vorbemerkungen. In der Beschreibung der ersten Halbzeit habe ich des öfteren von Gegnerschaft der Teams gesprochen, dies war falsch. Es war mehr ein partnerschaftlicher Wettkampf.
Das Team Eintracht “Wind, Welle, Wolke” hat sich SV Germania “Jucunda-Victoria” gegenüber so fair verhalten, dass man nicht von Gegnerschaft sprechen kann. In welchem Wettkampf lässt sich der Spielpartner schon Tage vorher in die Karten schauen und man kann sich darauf einstellen? Ich hatte den  Eindruck, dass sich die Natur immer wieder neue Spielzuege  fuer uns ausgedacht hat und wollte mal testen, wie gut wir sind und wie wir darauf reagieren. Des Weiteren war sie so fair, sich auch immer an die jeweiligen Voraussagen zu halten. In diesem Zusammenhang auch einmal ein dickes Lob und Dankeschoen an unseren Meteoabwehrblock um Julius,Knut,Jens und Reiner. Ihr koennt Euch garnicht vorstellen wie erleichtert wir immer waren, wenn Eure zusaetzlichen Wetterdaten mit unseren uebereinstimmten. Es gab uns immer ein Gefuehl der Sicherheit, aber auch Bestaetigung. An Bord gab es dann von Frank ein gimme five, äh, manchmal auch nur gimme four ( Eingeweihte wissen warum). Diese Sicherheit hat dann auch manches Bauchgrimmen bei unserer Crew geringer ausfallen lassen. Nicht, dass wir seekrank werden. Nein, aber wenn man nachts auf der Wache im Cockpit alleine mit Jucunda durch die pechschwarze Nacht rast – der Mast ist kaum noch zu sehen und vom Atlantik ist nur das Rauschen der Wellen zu hoeren – dann ist es sehr beruhigend aus mehreren Quellen zu wissen, dass die Wellen nicht noch hoeher und der Wind nicht staerker als vorhergesagt wird. Denn letztendlich waren wir mit unseren Nussschalen ziemlich allein auf dem Atlantik unterwegs. Auf den gesamten 1800 sm ( 3333,6 km) sind uns tatsaechlich nur vier Frachter begegnet.
Und nun zur zweiten Halbzeit:
Auf den zweiten 900 sm hat sich Team Eintracht “Wind, Welle, Wolke” nicht lumpen lassen. Es war wieder alles am Start. Das volle Programm: Starkwind, Regen, eine zweistuendige Nacht-Gewittervorstellung mit allem drum und dran  fuer unser neues Crewmitglied Malte, Sonnenschein mit 25-30 Knoten Wind, aber auch Atlantikwetter wie ihr es vielleicht aus diversen U-Boot Filmen kennt. Kalt und grau. Und dann als Ersatz fuer den von SV Germania “Jucunda-Victoria” abgewehrten Spielzug mit dem Namen ” Die 50 Knoten Wind vor Bermuda” gab es die 24 Stunden Reise nach Lummerland. Lummerland, eine Insel bekannt aus der Augsburger Puppenkiste mit Jim Knopf , Wilde Dreizehn und Urmel aus dem Eis liegt mitten im großen Meer. Und dieses Meer, im Film dargestellt durch eine langsam wabernde Plastikfolie,haben wir in natura erlebt. Wir sind ca. 24 Stunden unter Motor über die  groesste Badewanne der Welt gefahren. Wo der Atlantik noch einen Tag vorher kochte, jetzt auf einmal kaum Duenung, alles platt. Diese Flaute, die sogar noch etwas laenger dauern sollte, fuehrte bei unserem Flottillencommander Frank sofort zu hektischer Betriebsamkeit an der EXEL Tabelle. Immer diese Perfektionisten!! Wieviel Brot haben wir noch, wie sieht es mit dem Wasservorrat aus und wieviel Trinkwasser steht uns bis zum Ende der Reise zur Verfuegung?. Alles wurde berechnet und ein worst case Szenario entwickelt. Als er aber dann die Bierrvoraete in seiner EXEL Tabelle unter Trinkwasservorrat abspeicherte, haben sich Malte und ich schon heimlich auf den worst case gefreut.
Tja und gestern zum Abschluss noch ein letztes Sonnenfruehstueck im Cockpit mit sieben Knoten Fahrt auf Schmetterlingkurs( Wind von hinten und die Segel auf beiden Seiten) auf der Wellenachterbahn begleitet von den Eagles und “Hotel California”.
Fazit: Bei diesem Spiel konnte es nur Gewinner geben. Die Natur, weil sie uns ihre sehr variable Schauspielkunst in allen Fazetten zeigen konnte. Wir, weil wir aufgrund der Vorankuendigeungen dieses Spielpartners immer in der sicheren Position waren, dieses Schauspiel aus einem erstklassigen  Logenplatz miterleben zu duerfen. Wir sind aber nur heil ueber den Teich gekommen, weil wir die Warnungen der Natur sehr ernst genommen und angemessen reagiert haben.
Nach diesen vier Wochen auf See wird mir jedoch sehr, sehr deutlich, dass weltweit die Alarmzeichen der Natur leider immer noch viel zu wenig beachtet werden. Irgendwann ist es dann aber zu spaet angemessen zu reagieren und dann wird es viel zu viele Verlierer geben! Oder seht Ihr das anders?

Ich habe lange ueberlegt, ob ich den folgenden Abschnitt in diesen Blog setze. Aber letztendlich bin ich der Meinung, Ihr solltet wissen, wie es um meine Gefuehlswelt steht. Ich habe mich in diesem Urlaub verliebt! Oh je, ich hoere jetzt schon viele sagen,jetzt geht er aber wirklich zu weit. Das hat doch wirklich nichts in diesem Blog zu suchen.
Und Du, liebe Doro zu Hause, bitte komm jetzt bitte  von der Palme wieder runter.
Der Name meiner neuen Liebe ist: JUCUNDA! Ist natuerlich alles nur platonisch. Ich glaube es ist passiert, als wir gemeinsam nachts mit 8 Knoten ueber den Atlantik gerauscht sind. Anfangs hat sie sich noch geziert, weil sie Probleme mit ihrem Gewicht hat. Aber als ich ihr gestanden habe, dass mir ihre 13 Tonnen und ihr sattes Hinterteil allemal lieber sind als diese neumodischen flachen Flundern, bei denen in der ersten Wettfahrt die Spiegel im Bad von der Wand fallen und saemtliche Schubladen aufspringen, war alles in Butter.
Ausserdem stehe ich auf aeltere Damen , die auch bei 35 Knoten Wind mit gerefften Dessous noch voll abgehen. Mein lieber Schwan!
Leider ist unsere gemeinsame Zeit schon wieder vorbei, aber platonische Liebe soll ja erfahrungsgemaeß immer alle Trennungen ueberdauern. Bleib mir treu, mein Traumschiff.

Last, but not least erlaubt mir einige Anmerkungen zu unserem Flottillencommander und Traumschiff-Kapitaen Frank ( ob er wirklich nach der langen Reise schon Aehnlichkeiten mit Sascha Hehn aufweist, ueberlasse ich dem geneigten Urteil der Damenwelt)
Lieber Frank, auch an dieser Stelle nochmals recht herzlichen Dank fuer die Einladung zu dieser Atlantikueberquerung, mit der ich mir einen Seglertraum erfuellen konnte. Wenn ich  jetzt hier meine Gefuehle ueber die Erlebnisse und Erfahrungen dieser Reise zum Ausdruck bringen sollte, dann wuerde das den Rahmen sprengen. Aber folgendes moechte ich Dir schon sagen.
Ich habe mit Dir nicht nur einen sehr guten Segelpartner kennengelernt, sondern auch einen echten Freund. Hat Mann nicht oft!
So, und zum Schluss die abschließende Bewertung fuer diese Reise in den Kategorien:
– Schiff, Ausruestung, Sicherheit, Teamarbeit,  Bordservice, Bordkueche, Abendprogramm,
Erlebnisse, Erfahrungen, Gespraeche auf der Skala 1 = schlecht – 10 = sehr gut
>>>>> eine glatte 12!! ALLES PERFEKT!!
Der Rheinlaender wuerde sagen:
Eine superjeile Zick!! Translaeschion  Eine supergeile Zeit!!
Damit verabschiede ich mich auch von Euch. Vielen Dank, dass Ihr immer auf uns aufgepasst habt.
P.S.
Vergesst das mit den Geranien. Jucunda wuenscht sich Sonnenblumen. Bitte kuemmert Euch drum!
:end

Photos Bahamas bis Azoren hochgeladen

Wir sind gut auf den Azoren angekommen und haben schnelles Internet !
Da gibt es natuerlich auch gleich Phots zum “teilen” – einmal von freeport bis Bermuda und dann von Bermuda bis hierhin.

Gruss aus dem stürmischen grünen Flores

Spannend bis zum Schluss

Die letzte grosse Etappe dieser Reise sollte uns nochmal alle Gesichter des Meeres zeigen. Unser Ziel heisst Horta auf der recht zentral im Archipel gelegenen Azoreninsel Faial. Horta ist DER Hafen der Azoren, den man gesehen haben muss, mit der beruehmten “Peters Bar” voller Erinnerungen unendlich vieler Atlantikueberquerer, mit einer Hafenmauer bis zur letzten freien Flaeche bemalt mit Bootsnamen, Fahnen, Piktogrammen, Bildern – hier treffen sich “alle” (das wohl sind dieselben, die unsere Kinder meinen, wenn sie sagen “alle” duerfen das, “alle” gehen dahin,…) die den Atlantik in dieser Richtung ueberquert haben. Klar wollen auch wir nach Horta!

Pustekuchen. Mal wieder naht ein Sturmtief, mal wieder veraendert sich der Wetterbericht jeden Tag ein wenig, mal wieder kommt “es” mit jeder Aktualisierung naeher an unsere Route, ist dort zeitlich frueher und dann auch noch staerker. Kann sich der Wetterbericht nicht mal in die andere Richtung irren? – also weg von uns, spaeter und schwaecher. Wenn wir weiter Horta als Ziel verfolgen, kommen wir dort gleichzeitig mit der Schlechtwetterfront an, also schlimmstenfalls mit 30-40 Kn wind, Starkregen, Boeen und alles sonst noch was man sich nach ueber 2 Wochen auf See zum Ankommen wuenscht. Eine Dusche waere ja schoen, aber bitte nicht die Version Horizontal-Pressluft mit Eimerweise-Salzwasserbeimischung das alles ohne Shampoo im eigenen Oelzeug wahlweise schwitzend oder frierend. Nein Danke!

Wir verfolgen seit Tagen eine Alternative: Flores – die westlichste aller Azoreninseln. Sie liegt einsam 130 sm weiter draussen, hat nur einen kleinen Hafen, tief genug, wenig Platz – aber wenn man drin ist, liegt man dort sicher. Dort koennen wir 24h frueher ankommen und uns hoffentlich irgendwie verholen, um Wind und Regen abzuwettern. Immerhin klingt “Flores” nach viel Schoenheit, Natur und Anmut. Davon lassen wir uns ueberraschen – erstmal gilt es dort heute um kurz nach Mitternacht anzukommen und ein Plaetzchen an der Hafenmauer zu ergattern. Wir sind gespannt, wie voll der Hafen ist, wenn wir dort ankommen. Bei Sturm passt in jeden Hafen immer noch ein Booetchen mehr hinein – egal wie – irgendwie halt.

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Es bleibt eine Ueberfahrt voller Vielfalt fuer die Sinne: Spektakulaere Sonnen und Mond Auf- und Unter-gaenge, helle Vollmondnaechte und klare Sternenhimmel, grossartige sich immer wieder veraendernde Wolkenformationen von einem Horizont zum anderen, dunkle Regenwolken, die sich vor lauter Gewicht auf dem Wasser abzustuetzen scheinen, Schoenwetterwoelkchen aufgereiht wie an einer Perlenschnur, Cirren mit gleichmaessigen Wellenmustern am Himmel, Wetterleuchten und Gewitter mit Blitzen ueberall um uns herum, immer wieder viel Sonne, wilde Kreuzseen, glitzernde Wellen, gewaltige Atlantikduenen dazu Delphine, Schildkroeten, ein Wal, fliegende Fische, portugiesische Galeeren, fluoreszierendes Plankton, akrobatische Seevoegel, und das alles untermalt von dem intensiven Blau des Atlantiks – ein Blau, das so beruhigend und kraftvoll strahlt, das die Tiefe dieses Meeres perfekt verkoerpert. Bei Flaute dann ein Badestopp in ueber 4000 Metern Wassertiefe. Wer unter Wasser die Augen oeffnet, kann man die Farbe des Meeres foermlich einatmen – dann leuchtet alles rundherum nur noch tiefblau.

Es ist immer wieder ein Geschenk dieses intensive Erlebnis – unterwegs auf einer Nussschale auf dem offenen Meer fuer mehrere Wochen – mit “neuen” Menschen teilen zu duerfen. Die Tage und Naechte auf See brachten uns – Otmar, Malte und mir – viele neue Themen, Ideen und Diskussionen von der eigenen Lebensphilosophie ueber ferne Laender, Musik und Technik bishin zur Weltpolitik. Klar gibt es bei so viel Naehe und Abhaengigkeit auch mal Missverstaendnisse und Verstimmungen – wichtig ist dass diese immer ausgesprochen und geklaert werden. Im Ergebnis eine tolle Crew die eins mit Jucunda geworden ist.

Fuer den Gaumen gab es sensationellen frischen Fisch (Tuna, MahiMahi, Wahoo) als Currys, Filets, Sushi, Salat. Natuerlich hatten wir auch viel Wind um die Nase und in den Segeln. Gesegelt wurde sehr aktiv, einmal weil eine enge Flotille fordert sich an die Absprachen zu Kurs und Geschwindigkeit zu halten, aber auch weil wir alle drei Spass dran haben, Schoten, Traveller, Holepunkte, Unterliekspannung und etliches mehr zu optimieren. Wenn alles stimmt, kann man nachts schon mal bei der Wache sitzen und nichts weiter tun, als den manigfaltigen Geraeuschen des Segelboots in den Wellen zu lauschen.

Heute am fruehen Mittag sehen wir am Horizont ein englisches Segelboot und funken es aus Spass mal an. Der uebliche Smalltak a`la: Wie gehts, Wohin fahrt ihr, Eure Strategie dem Sturm auszuweichen usw. Doch John wusste nicht nur nicht welcher Wochentag heute ist, noch hatte er irgendeinen Wetterbericht oder sonstigen Plan. Es gibt offensichtlich verschiedene Arten sein Glueck zu suchen bzw. herauszufordern. Im Ergebnis ist unsere Flotille nun auf drei Boote angestiegen – auch John faehrt nach unidirektionalem Austausch 😉 der Wetterdaten nun auch lieber nach Flores.

Viktoria und Jucunda segeln wir nun seit St. Marteen im engen Verbund – hinter uns liegen vier Monate voller intensiver gemeinsamer Erlebnisse und Eindruecke. Wir freuen uns alle, wenn wir auch diese Etappe gemeinsam, sicher, zur gleichen Zeit im gleichen Hafen gemeistert haben. Welch ein Geschenk – das wird gefeiert.

Fruehstens am Mittwoch geht es weiter nach Horta und dann auch in Peters Bar. Horta laueft uns nicht weg. Flores ist bereits in Sicht.

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HALBZEIT im Atlantik Stadion

Hallo Otmar nochmal, Zu Beginn das Wichtigste: Logbucheintrag Flottillencommander Frank Kurth, Sonnen- und Sternenkreuzer Jucunda: 23.05.2016, 13.30 local time, Position 36 Grad 36`,92 Nord/ 047 Grad 20`,41 West, 900 sm Halbzeit! Was verbirgt sich hinter diesen nackten Zahlen? Wir haben die Hlfte von den 1800 sm – Bermuda-Azoren gepackt! Konkret fuer die Nichtsegler die Erluterung fr unsere aktuelle Position: Wir segeln auf Backbordbug ( Segel sind auf der linken Seite). In meiner Koje – auch auf der Backbordseite – wird man bei diesem Kurs an die Aussenwand gedrueckt und nur die ca. 1,5 cm dicke Bordwand verhindert, dass man mit den Atlantikwellen kuschelt. Unter mir ist der Atlantik 4987 m Meter tief und wir sind rundum mehr als 900 sm ( 1665 Km) von Land entfernt. Gut nee?!! Wir sind mittendrin, aber wir haben keine Sorge, denn Ihr seid auch dabei! Aber wie verlief der Toern bis hierhin? Es war ein Wettkampf. Und von diesem Wettkampf moechte ich Euch als nicht ganz unparteiischer Reporter berichten. Es geht um die erste Halbzeit im Endspiel um den Atlantik Cup. Austragungsort ist das Atlantikstadion, dass extra fuer dieses Spiel mit einem neuen blau-tuerkisfarbenen Wellenteppich ueberzogen worden ist.

Im Endspiel treten gegeneinander an: SV Germania “Jucunda-Victoria” in den Trikotfarben rot/gelb gegen Eintracht ” Wind,Welle,Wolke” in den Trikotfarben blau/weiss/schwarz Kurz zu den Aufstellungen der Teams: SV Germania “Jucunda-Victoria” tritt als krasser Aussenseiter in folgender Aufstellung an: Sturm: die Fuenferkette mit Sturmspitze Sandy, dann Kerstin, Matthi, Noah und Liv Mittelfeld: die Fluegelflitzer Malte, Otmar und auf der Doppelsechs Mannschaftskapitaen Frank (in Fachkreisen auch der perfekte schweinsteigerische Khedira genannt) Meteoabwehrkette: Julius, Jens, Peter Tor: Elfbeaufort Killer: Knut Ihr habt ja recht. Es sind mehr als 11 Spieler. Aber wir duerfen ja nicht auswechseln. Wie denn auch?? Wir haben von den Schiedsrichtern Sonne und Mond zur Chancengleichheit noch Supporter zugestanden bekommen: den zuverlaessigen Wetterfrosch “Wetterwelt”, den coolen Autopiloten Joe und die kaprizioese Wind- Hydrovane Autopilotin “Windvenus”, den baerenstarken Volvo Penta 55 und die Bordnaviratte Willie. Eintracht ” Welle,Wind,Wolke”,seines Zeichens Seriengewinner des Atlantik Cups, tritt in folgender Aufstellung an: Sturm: Sturm, Mittelfeld: Hoch, Tief, Kaltfront, Warmfront, Okklusion Abwehr: Starkwind, Flaute, Windwelle,Boeenwalze Tor: Starkregen

Anpfiff im Atlantikstadion: 15.05.2016, Pfingstsonntag, 12.00 Uhr local time Sofort greift das Team Eintracht “Wind,Welle,Wolke” mit einer Messie Kaltfront,dunklen Wolken und Starkregen an und treibt SV Germania “Jucunda-Victoria” in die Defensive, besser gesagt in die Kirche. Jedoch mit vier Stunden Zeitverlust, dafuer aber mit dem heiligen Geist in der Backskiste kommt SV Germania “Jucunda-Victoria” aus dem eigenen Strafraum, denn beide Schiffe ruckelten schon so ungeduldig an ihren Landleinen, wie ein 6er Husky Gespann am Schlitten. Mit dem Schlachtruf ” Wir wollen nicht untergehen” und angefeuert und begleitet von den Delphin Fans aus der Suedkurve startet SV Germania “Jucunda-Victoria” den Gegenangriff. Davon ueberrascht zog sich Eintracht ” Wind,Welle,Wolke” erstmal zurueck, plante aber schon den naechsten Frontalangriff mit dem beruechtigten Spieler Tief in der Abngriffspitze. Doch diese Taktik war von unserer Meteoabwehrreihe mit Julius an der Spitze berechnet worden und der Angriff konnte durch ein geschicktes Ausweichen auf den rechten Fluegel umgangen werden. Somit hatten sich beide Mannschaften abgetastet und das Spiel plaetscherte eine zeitlang vor sich hin. Dann startete Eintracht ” Wind,Welle,Wolke” wieder einen fulminanten Gegenstoss durch die Mitte mit den falschen Neunern Starkwind und Starkregen. Mit einer geschickten Refftaktik konnte SV Germania “Jucunda-Victoria” jedoch voll dagegen halten, da der Doppelsechser Frank weiterhin eine hervorragende Bindung mit seinem Meteo Abwehrteam und dem Wetterfrosch “Wetterwelt” hatte. Diese gut platzierten Abwehr- aber auch Gegenangriffe reizten das Team von Eintracht ” Wind,Welle,Wolke” so sehr, dass es zu einer aueerst unfairen Blutgraetsche ansetzte. Bei 35 Knoten Wind drueckte es der SV Germania “Jucunda-Victoria” im Morgengrauen einen Windsprung von 40 Grad mit anschlieender Boeenwalze in die Seite. Fuer die Nichtsegler erklaer ich kurz was dieses miese Verhalten fuer einen Segler bedeutet: Stellt Euch vor Ihr sitzt im Auto und seid auf dem Weg zum Wirt Eures Vertrauens und freut Euch schon auf das ein oder andere Kaltgetraenk, als ploetzlich eine unbekannte Macht in Euer Lenkrad greift und das Auto in Richtung Schwiegermutter zu Tee und Gebaeck steuert. Nichts gegen Schwiegermuetter, aber alles zu seiner Zeit. Die Fans forderten daher sofort die rote Karte, doch die beiden Schiedsrichter Sonne und Mond hatten nichts gesehen. Wie auch. Die Sonne litt unter partieller Nachtfinsternis und der Mond war grad voll. Doch auch hier gelang der SV Germania “Jucunda-Victoria” eine geniale Gegenattacke. Mit einer gemeinsamen fruehmorgendlichen Halse (fuer die Nichtsegler: das ist keine Wende) verlagerten sie das Spiel auf den Suedfluegel. Auch die heftigen Gegenattacken mit Starkwind und Starkregen wurden locker mit bis zu 8,3 Knoten Fahrt abgewehrt.

Fuer Entspannung, vor allem waehrend der Wachen, sorgten dann unser Autopiloten. So blieb der Eintracht ” Welle,Wind,Wolke” nichts anderes uebrig, als den Sturm gegen die Flaute auszuwechseln. Dieser Gegenspieler Flaute startete den Angriff gemeinsam mit einer langen und hohen Windwelle. Da jedoch unser Keeper Knut diese Hochdruckkernflaute auf seinem Zettel hatte, waren wir vorbereitet und konnten mit unserem 55 Volvo Penta Supporter den neuen Gegner locker mit 5 Knoten in die Defensive draengen. Das bescherte dem Team SV Germania “Jucunda-Victoria” einen sonnigen, entspannten und kostenlosen Nachmittag auf der bis zu sechs Meter hohen Wellenachterbahn. Den Rheinlaender freut dies, denn er schunkelt halt gerne. Eigentlich ideales Wetter fuer einen Badetag.

Doch unser Gegner hatte auch hier eine perfide Gegenstrategie,in dem er auf die Wellen eine Armada von portugiesischen Galeeren setzte. Mindestens eine gelbe Karte haette dies verdient gehabt, denn hier handelt es sich um eine der gefaehrlichsten Quallenarten im Atlantik. Daher verzichteten wir grozuegig auf das Wellenbad. Tja und dann geschah nicht mehr viel, denn beide Teams wollten in die Halbzeit. Unser Team wurde auf den letzten Seemeilen wieder von Delphin Fans aus der Suedkurve angefeuert und in die Halbzeitpause begleitet. Doch da war noch etwas, haett ich fast vergessen. Flottillencommander Frank und Malte haben heute frueh zur Feier des Tages einen 1,30 m groen Wahoo aus dem Meer gefischt! Der Fisch hat zwar lange bei Malte an der Angel gezappelt, doch als er den Commander am fruehen Morgen noch im Schlafgewand gesehen hat, ist er augenblicklich tot ins Cockpit gefallen. Das Team von SV Germania “Jucunda-Victoria” geht daher zur Halbzeit nicht in die Kabine, sondern auf die Terrase auf der es heute Abend lecker Fisch gibt, aber leider immer noch keine ………! Wr sind sehr zuversichlich, dass wir auch in der zweiten Halbzeit mehr als mithalten koennen, denn das Mannschaftsgefuege zwischen Mittelfeld um Commander Frank und der von Julius sehr gut geleiteten Meteo-Abwehr ist hervorragend und die Feinabstimmung zwischen Mittelfeld und Sturm wird nach anfaenglichen Schwierigkeiten immer besser. Besonderes Lob und Anerkennung hat jedoch Frank in diesem Spiel verdient, da er es immer und immer wieder geschafft hat, aus den vielen kleinen Wetterpuzzleteilchen eine optimale Gegenstrategie zu entwickeln und diese mit uns gemeinsam umzusetzten. Egal wie das Spiel ausgeht, den Dank des Teams dafuer hat er jetzt schon sicher. Die Ziele fuer die naechsten 900 sm stehen auch schon fest. Wir wollen den Cup gewinnen, am 30.05. in Horta unser Einlaufdoeschen trinken und nicht ins 11 Beaufort Schieen!! Also drueckt uns weiterhin die Daumen und passt per yellow brick auf uns auf. Wir segeln aktuell mit 6 Knoten in eine phantastisch klare Sternennacht und der noch volle Mond leuchtet uns dabei den Kurs aus. Ende der live Reportage. P.S.: Wir sind Euch schon wieder eine Stunde naeher.

Weniger als 1000 Meilen bis Europa

start: Noch 1000 Meilen bis Europa Der Nordatlantik haelt was er verspricht. Seitdem wir Bermuda verlassen haben, hat uns jedes Wetter und jede Windrichtung und Staerke begleitet. Wie schon auf dme Weg zu den Bermudas, mussten wir auch diesmal einem schweren Tief ausweichen und lange erstmal nur Ost fahren ohne ahc nur eine Meile nach Norden gut zumachen. Sobald das Tief vorbei war, hiess es halsen und im sog. Rueckseitenwetter so weit nach Norden kommen wie es geht – denn im Sueden war eher Flaute angesagt.

Alles spielte sich eins zu eins wie im Lehrbuch ab. Erst ddreht der Wind rechts um 40 Grad, dann kommt eine Boeenwalze mit bis zu 35kn Wind, gefolgt von Starkregen, schlagartig beruhigt sich alles, der Regen und der Wind lassen fuer eine Weile nach, dann folgt klarer Himmel und starker boeiger Wind. Zum Glueck begann das Schauspiel um sechs Uhr morgens, so dass wir “alles” bei Tage erleben und “abwehren” duerfen. Bis zum spaeten Abend begleitet uns ein sehr boeiger Wind mit leicht drehenden Richtungen. Wolken rasen ueber uns hinweg, man kann spueren und sehen wie das Tief auf allen Hoehen Luft in sich hinein saugt. Das ist anstrengend, denn die Wind-basierte Steuerung (Windfahne) kann nur schlecht mit wechselden Winden umgehen. Dazu kommen grosse Wellen die gerne mal ueber das ganze Boot laufen und der Crew im Cockpit einen Ganzkoerperdusche verpassen. Zum Glueck ist es nicht wirklich kalt und wir koennen selbst das in guten Klamotten mit Freude geniessen. So schnell wie es kam ist es auch vorbei. Um Mitternacht ist der Wind “aus, der heutige Sonntag begruesst uns mit Sonne und Flaute. Leider hat der starkwind des Vortages eine unruhige See hinterlassen. Grosse Wellen und Flaute, das bedeutet maximale Schaukelei.

Wie misst man angeblich moeglichst exakt die Wellenhoehe ? Man fragt einen “Seemann” nach seiner Schaetzung und dividiert dies durch zwei. So wie gefangene Fische nach dem Tod noch groesser werden, so werden auch Wellenhoehen gerne weit uebertrieben. In diesem Sinne wuerde ich von 8 Meter Wellenduenen mit ueberlagerten 3 Meter Wellen sprechen. Und ich glaube nicht ums Zweifache zu uebertreiben ;-.)

Neben den Wellen begleiten uns Delphine, ein paar Seevoegel und segelnde Quallen. Letztere sind m.W. portugiesische Galeeren und damit lebensgefaehrlich. Sie blasen sich so auf, dass ein halbrundes pink-durchsichtiges Segel aus dem Wasser ragt und ihnen Vortrieb ueber den Atlantik ermoeglicht. In der Sonne leuchtet der pinke Segelkranz gegen das Blau des Atlantiks und ergibt ein tolles Bild. Nur schwimmend moechte ich diesen Quallen nicht begegnen.

Heute morgen haben wir auch mehrere Etmale geknackt. Die Uhr konnte nach 15 Grad West (360grad durch 24h gleich 15) um eine Stunde vorgestellt werden und unser “way to go” ist unter die 1000 Seemeilen Marke gefallen. Nach einer knappen Woche passt das gut in den Plan! Schaukelnd motoren wir bei schoenstem Sonnenschen ueber riesige Wellen gen Nord-Ost. Jucunda wird von den grossen Duenen sanft hoch und runer gehoben, waehrend uns die Wellen etwas schneller hin und her schwappen lassen. Heute Nacht soll wieder Wind kommen, dann geht es weiter nach Osten. Segel werden helfen wieder Stabilitaet ins Boot zu bekommen.

Auch in und zwischen den Crews “menschelt” es derweil bisweilen heiter bis kraeftig. Die Anstrengung und Anspannung der letzten 24h hat auch hier ihre Spuren hinterlassen. Offensichtlich gibt es in einer Flotille auch eine non-verbale Kommunikation zwischen den Schiffen und in der Folge dann auch deren Crews, die in Folge von reiner Schiffsbewegungen etwa so beschreiben kann: “Koennen die keinen Kurs halten oder wollen die nicht?” – “Ist denn da keiner an Deck und passt auf?” – “Die fallen schon wieder zurueck” usw. Dazu kommt ein breites Spektrum unterschiedlicher Erwartungshaltungen, Hintergruende und Charaktere. Es ergibt sich ein nettes buntes – bisweilen auch mal leicht explosives Potpurri.

Ich nehme es dennoch positiv. Einmal mehr zeigt sich, dass diese Reise den eigenen Geist nicht nur in bezug auf Laender, Natur und Kulturen erweitert, sondern dass die intensiven Begegnungen mit Menschen den eigentlichen Kern dieses Jahres auf See ausmachen. Jemand sagte mal “Ein Boot ist wie ein Brennglas auf die zwischenmenschlichen Themen -die man auch an Land zu bewaeltigen haette”. Wir kommen ja wieder an Land und ohne dieses schwimmende Brennglas ist das dann alles wieder total “easy”.

Lilliput Britain in Bunt – Bermudas in Short(s)

start: Es geht doch! Wir alle kennen englische Reihenhaeuser in den Schattierungen von steinrot bis steingrau, alle gleich, trist und monoton. Auf Bermuda scheint dies zumindest was die Farben angeht anders geregelt zu sein. Es wirkt als wenn es eine Institution gaebe, die zentral die Hausfarben festlegt – etwa so: Lindgruen, Schweinchenrosa, Himmelblau, Sonnenorange, Atlantikblau, Kaminrot, Zitronegelb, ….weiss? sind hier nur alle Daecher, meist ebenfalls aus Stein mit maechtigen weissen Kaminen. Zweimal die gleiche Farbe nebeneiander? – verboten! So verzaubert uns St. George, die alte Hauptstadt Bermudas und sein historisches Zentrum.

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Bermuda ist eine tolle Mischung aus dem geregelten sauberen England und der farbenfrohen Karibik. Die Kuestenlinie der Insel liegt nicht etwa nur auen zum tiefen Atlantik, sondern vor allem innen mit unzaehligen Lagunen voller Yachten, Durchfahrten, Bruecken und am Wasser liegender Villen. Geld scheint es hier ueberhaupt reichlich zu geben – in Hamilton der Hauptstadt lauern fuer die Superreichen alle bekannten Steueroptimierer HSBC, E&Y, KPMG, DeLoitte etc. mit stattlichen Buerogebaueden. Geld ist die eigentliche Einkunftsquelle dieser Insel: eine Traumresidenz fuer Reiche mit integrierter Steueroase. Entsprechend hoch sind auch die Preise fuer Normalsterbliche – da kostet ein Hamburger mit einem Bier schnell mal 30 US Dollar.

Und es gibt sie wirklich die Bermuda-shorts! Zwischen den Buerogebaueden Hamiltons, ueberqueren Businessleute die Strasse: oben Hemd mit Krawatte, unten Lackschuhe, schwarze Struempfe bis ueber die Wade und dazu eine Shorts bis knapp ueber die Knie. Die – nennen wir es – “besondere Art” englischer Mode scheint sich auch ueber 500 Jahre Zeit und 5000km Entfernung nicht ausgewaschen zu haben. Sind es doch die Gene ? 😉

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Unsere Zeit in Bermuda ist gepraegt von viel Arbeit an den Schiffen. Durch den Sturm sind wir 2 Tage spaeter als geplant angekommen, wollen aber puenktlich 2 Tage vor der ARC Europe am 15. Mai starten. So hoffen wir die 42 Schiffe der ARC Europe ebenfalls unterwegs auf die Azoren zunaechst in unserem Ruecken und spaeter um uns herum zu haben. Das bringt uns ein zusaetzliches Quaentchen an Sicherheit auf der langen Strecke.

Es bleiben uns knappe 5 Tage fuer Riggcheck, Motorcheck, Segelreparaturen, Dieselfilterwechel, Tanken, Einkaufen, Pumpenwechsel, Windpilotueberholung, Routenplanung und viele Kleinigkeiten hier und da. Ausserdem erwarten wir Crewverstaerkung auf beiden Booten. Ueber Hand-gegen-Koje haben sich unabhaengig voneinander Kerstin und Malte angekuendigt. Wir sind gespannt auf die Menschen, mit denen wir auf engstem Raum die naechsten zwei-einhalb Wochen verbringen werden, bzw. auf Menschen die sich trauen mit uns diese Zeit zu verbringen. Schon vorab habe ich viel Spass mit Kerstin ueber mitzubringende Ersatzteile und Suessigkeiten zu kommunizieren. Sie wird eine tolle Ergaenzung der Viktora Crew. Malte – ein Medizinstudent aus Berlin – kommt quasi “last minute” aus Bolivien eingeflogen und wird der dritte Mann auf der Jucunda. Damit steht auch ein weiteres ToDo auf der Liste: Einweisung ins Boot und in die Sicherheitsmittel.

Wir liegen mit unseren italieneischen Freunden im Dreier-Packl an der Kaimauer von St. George – welch ein Wiedersehen nach dem Sturm – wir schrauben, schleifen, feilen, bohren, wischen, messen, schleppen und diskutieren. Zwischendurch treffen wir Segler die wir schon in der Domenikanischen Republik, in Kuba oder auf der ARC kennengelernt haben. Alle die zureuck nach Europa wollen, passieren in diesen Wochen das Nadeloehr Bermuda. So vergeht die Zeit im Hafen wie im Flug und jeden Abend fallen wir erschoepft in die Kojen. So richtig erholsam ist unser Bermuda Aufenthalt damit leider nicht, aber immerhin ist die ToDo Liste am Ende bis auf den Punkt “Strandtag” dann doch abgehakt und wir koennen wie geplant am Sonntag starten. Vorab steht noch ein Besuch der Kirche an und dann soll es los gehen. Es ist Pfingstsonntag und so bekommen wir reichlich Segen und Inspiration in einer wunderschoenen Kirche mit sehr persoenlicher Predigt – waehrend es draussen aus Eimern schuettet und donnert. Wir warten ab, bis sich die Gewitterfront verzogen hat und starten nachmittags um vier. Vor uns liegen 1800 Seemeilen (3300 km) – ca 16-19 Tage auf See.

In meinen Augen ist dies die schwerste Etappe unserer Reise. Hier gibt es keinen steten Passatwind wie auf der Hinroute, sondern man segelt mit den Tiefs des Nordatlantiks. Diese Wettersysteme ziehen schnell von West nach Ost und die Herausforderung ist es ihren Wind im Sueden bzw. auf der Rueckseite optimal zu nutzen. Segelt man zu weit im Norden wird man mit Sturm belohnt, zu weit im Sueden mit Flaute. Zum Glueck haben wir die aktive Unterstuetzung von Julius und taegliche Grib-Daten, um hier die richtige noerdliche Hoehe einzustellen und dabei die Veraenderung der kommenden Tage im Blick zu halten. Die Winde an der Wetterkante veraendern alle paar Stunden ihre Richtung und Staerke, so dass Segeln und die Kurstreue in der Flotille sehr aktiv ausgefuehrt werden muss. Vielmals taeglich stimmen wir Kurs und Geschwindigkeit zwischen den Booten ab.

Heute sind wir seit 3 Tagen unterwegs. Die ersten 300 SM sind geschafft, wir sind zwar etwas langsamer unterwegs als gehofft, morgen und uebermorgen soll ein maechtiges Tief noerdlich von uns vorbeirauschen und uns helfen, hier Boden gut zu machen. Die Bordkueche glaenzt derweil mit frischem Thunfischsteaks und Goldmakrelen-Reis-Curry. Malte lernt schnell alle Handgriffe auf Jucunda und integiert sich praechtig ins Team. Das Wetter ist tagsueber warm und sonnig, nur nachts wird es empfindlich kalt und frisch. Es laesst sich nicht leugnen, die Karibik liegt hinter uns, Europa wir kommen! Wir freuen uns ….

Vorstartzustand …. Kribbeln im Bauch

Hallo, Otmar nochmal

Wir liegen seit dem 10.05 auf Bermuda, genauer in St.Georges, der ehemaligen Hauptstadt. Ein traumhaftes Örtchen mit vielen schmalen Gassen und bunten kleinen Häusern. Bei schoenstem Wetter erholen wir uns von dem teilweise recht strapazioesen Trip von den Bahamas auf die Bermudas. Die Tage gehen dahin mit regenerieren, shoppen , aber auch Wäsche waschen.

Nur einer war immer busy:Frank, der Skipper!!

Als Crewmitglied versucht man einen Teil der Verantwortung abzunehmen, aber wenn man in der der Rolle des Schiffsführers ist, tickt man anders!

Seit Freitag ist alles etwas anders. Die Sportler unter Euch kennen das Gefühl und die Anderen seien an den Moment vor einer wichtigen Pruefung erinnert. Man hat sich so optimal wie moeglich vorbereitet: Eine lange to do Liste ist abgearbeitet: Motorcheck, Segelcheck, Riggcheck(im Klartext: Frank war mal eben im 20 m hohen Mast und als wir ihn wieder runter gelassen hat er den Dieselfilter gewechselt) haben Dinghi verpackt, alles was sich losreißen kann wird verzurrt,Segelbekleidung ueberprueft, 260 Liter Wasser und 280 Liter Diesel gebunkert, AIS Antenne neu ausgerichtet,Kühlschrank repariert, für die Überfahrt eingekauft. Teurer Spass, denn die Lebenshaltungskosten sind hier enorm hoch. Zum Beispiel kostet ein Toastbrot mal eben 5,99 Dollar.

Mittlerweile sind Kerstin und Malte als weitere Crewmitglieder eingetroffen: Kerstin verstaerkt die Crew der Victoria und Malte ist auf der Jucunda an Bord.- und jetzt steht die Pruefung an. Wie beim Hundertmeterläufer kurz vor dem Start. Die Nervositaet steigt. Vorstartzustand. Kribbeln im Bauch.

Alle werden ruhiger und im Mittelpunkt stehen mal wieder die Themen Sicherheit und Wetter.. und der große Respekt vor dieser Herausforderung.

Zu unserer und Eurer Beruhigung folgende Anmerkungen.

Die Jucunda hat sieben verschiedene Segel an Bord, um bei allen Windstaerken das richtige Tuch aufziehen zu koennen. Wir haben nicht nur das AIS System Klasse B ( Automatic Identification System) an Bord, sondern auch Klasse A.

Klasse A wird normlerweise nur in der Berufsschifffahrt verlangt. Frank hat es dennoch zusaetzlich eingebaut, damit wir auch von den dicken Brummern erkannt werden. Wir haben zwei Autopilotsysteme an Bord, ein Radargeraet und für die Energiegewinnung Solarpanels und einen Windgenerator. Wir koennen ueber Kurzwelle kommunizieren und haben ein Satellitentelefon an Bord. Für das schon sehr gute Wetterrouting haben wir mit Knut noch einen weiteren

Fachmann in Deutschland gewinnen koennen. Zur Auswahl stehen für die Ueberfahrt in der Regel zwei Routen.

Die etwas ruhigere Großkreisroute, oder die sportlichere Nordroute. Wir haben uns für die ruhigere, weil moeglicherweise nicht so sehr von Tiefs beeinflusste Großkreisroute entschieden. Ist vielleicht etwas langsamer, soll aber sicherer sein. Wir fahren wieder Flottille mit der Victoria und nach uns startet am 17.05. die ARC Regatta mit ca 40 Schiffen, die dann eine zeitlang in unserem Umfeld sein werden.

Wir haben zwar mit den bisherigen 1000 sm unter Umgehung des Sturmtiefs eine sehr gute Generalprobe abgelegt, doch jetzt steht der Zaehler wieder auf Null. Es warten weitere 1800 sm ( 1 sm = 1,852 km)auf uns. Ohne Zwischenstopp ca. 14 – ?? Tage! Und auf das bei den Seglern traditionelle Einlaufdöschen im Hafen müssen wir genauso lange warten :-(((, denn auf der Terrasse gibt es zwar Kännchen, aber während der Ueberfahrt keinen Alkohol ….. und Geranien immer nocht nicht!!

Gleich gegen 12.00 Uhr local time gehts los und dann kommen wir Euch nicht nur ueber die Seemeilen wieder naeher, sondern durchsegeln alle 15 Grad eine Zeitzone und sind Euch somit auch wieder zeitlich naeher.

Aber Ihr seht ja mit dem yellow brick sowieso immer wo wir gerade sind.

Im Rhythmus

Bevor ich auf  die Neuigkeiten eingehe, muss ich zum meinem ersten Blog etwas klarstellen. Wir waren IMMER SAFE!! Sollte der Eindruck entstanden sein, dass es in irgendeinem Augenblick gefaehrlich gewesen sei, moechte ich dies hiermit korrigieren. Gefahr bestand nur durch das vor Bermuda liegende Sturmtief. Dies zu erkennen, und dementsprechend die notwendigen Massnahmen und Ausweichrouten zu planen war der Job der Crews. Und dieses Zusammenspiel zwischen den Teams hat hervorragend funktioniert.

Natuerlich ist etwas anderes, ein Gewitter auf dem Atlantik in pechschwarzer Nacht zu erleben, als sich zu Hause im Bett noch schnell die Bettdecke ueber den Kopf ziehen. Wir haben auf der technisch optimal ausgeruesteten Jucunda hier drauen aber auch ein sicheres Zuhause. Seid versichert,weder der etwas juengere aeltere Herr noch der etwas aeltere juengere Herr an Bord werden sich unnoetig in Gefahr begeben. Aus gut unterrichten Kreisen haben wir erfahren, das man uns an der Heimatfront noch benoetigt.

Tja, und mittlerweile haben wir seit Tagen bei schoenstem Segelwetter auf dem Boot unseren eigenen Rhythmus gefunden.Wir stehen mit Meerblick auf und gehen mit Meerblick ins Bett. Und wer die Nachtwache von 3.00 bis 6.00 hat, ist zwar muede, wird aber zur Belohnung von Jucunda auf Ostkurs in den Sonnenaufgang gesegelt. Fruehstueck gibt es dann gemeinsam mit Santana, Bob Marley, Michael Jackson und anderen Groeen der Musikwelt. In den Sonnenuntergang segeln wir selbstverstaendlich mit dem “earth song”. Fragen?? :-))))

Dieser Rhythmus wird auch vorgegeben von den Wellen des Atlantiks. Dies bedeutet beispielsweise, dass man niemals eine Tasse Kaffee, ein Glas Saft oder auch das Spuelbecken bis zum Rand fuellen darf, weil es sonst ueberschwappt. Geschickterweise sollte man beim Transport alles in einem bestimmten Neigungswinkel vorhalten. Alles ist dauernd in Bewegung. Einzig bestaendig ist, dass die Wellen keinen Rhythmus haben und man bei jeder Bwegung staendig auf der Hut sein muss. Doch da gibt es noch etwas.Immer wenn ich es mir gerade auf Sonnendeck B oder C bequem gemacht habe, steht der SMV – Skipper meines Vertrauens – vor mir und fragt beispielsweise. ” Was meinst Du, sollten wir jetzt nicht mal die Genua auf der anderen Seite ausbaumen?” Bevor ich auch nur die Chance habe die Frage nach der rhetorischen Frage zu stellen, grinst er, zieht sich sein life jacket an und zeigt mir die Stelle, wo er mein life jacket deponiert hat. Wenn wir dann das Manoever beendet haben, kann es durchaus mal sein, dass er fachmaennisch feststellt:” Wir haetten es auch lassen koennen.”

Aber als Ausgleich gibt es dann Palatschinken mit Marmelade. Er hat auch schon mit dem Kaiserschmarrn “gedroht”. Ob das was mit meinem Nachnamen zu tun hat? Wie Ihr seht, es geht uns bestens. Und nicht nur das. Wir verstehen uns auch sehr gut und dass nicht nur im Handling des Segelbootes.

Unsere Stimmung wurde nur dadurch getruebt, dass wir unseren Besucher nicht bis nach Bermude mitnehmen konnten. Er, ein kleiner Piepmatz, kam vorgestern angeflogen. Ca 400 sm von Bermuda entfernt. Sah ziemlich erschöpft aus. Parkte zunaechst auf dem Relingsdraht, dann auf Franks Kopf, danach besuchte er uns unter Deck im Salon. Wir haben ihm Wasser hingestellt und etwas Nahrung. Vorsichtig hat er sich rangetatet und probiert. Hat sich dann einen Platz zum Schlafen unter Deck ausgesucht. Wir haben ihn die ganze Nacht beobachtet. Doch leider…

So das wars fuer heute. Muss nach oben, in den Atlantik eintauchen. BADETAG!!!

P.S. Morgen frh werden wir die Bermudas erreichen.

Alles Perfekt!? Ein Rheinlaender auf dem Weg zu den Bermudas

Hallo, mein Name ist Otmar, ich komme aus Bonn und bin auf Einladung von Frank seit 8 Tagen Crewmitglied auf der Jucunda und geplant ist, dass ich bis auf die Azoren an Bord bleibe. Wie es zu dieser Einladung kam? Frank und ich waren Teil einer Crew – im Rheinland wuerde man sagen von “positiv Bekloppten” – die sich letztes Jahr Anfang Maerz zu einem Schwerwettertraining auf der Nordsee in Hamburg getroffen haben. Mit Frank kam ich relativ schnell auf eine Wellenlaenge, weil wir uns natuerlich ueber das Segeln und sein mit Julius geplantes Projekt unterhalten haben. Aber wir fanden darueber hinaus auch andere Gespraechsthemen. Tja und dann kam irgendwann ganz ueberraschend diese Frage, die bei mir fuer laengere Zeit in Kopf und Bauch fuer Unruhe sorgen sollte: “Hast Du nicht Lust, uns auf einem Teilstueck zu begleiten?” Bin zwar schon einige Meilen durch die Gegend gesegelt, aber einmal ueber den Atlantik zu rutschen war immer mein Traum … und dann auch noch auf einer Swan! Auf meine Nachfragen die Ausruestung der Jucunda betreffend antwortete Frank: Alles Perfekt! Weil auch Julius nach einem Kurzbesuch in Norderney kein Veto einlegte, blieben wir in Kontakt und auch ich konnte ueber den Blog den Fortschritt der Reise verfolgen und Franks Mutation zum Reiseschriftsteller bewundern.

Nach und nach wurde die Zeitplanung konkreter und immer,wenn etwas passte,antwortete Frank kurz und buendig: Alles Perfekt! Macht nicht viele Worte, hat dafuer aber alles im Griff dachte ich mir.

break/28.04.2016 Bin nach knapp 21 Stunden Anreise in Freeport angekommen. Frank holt mich ab. Macht einen total relaxten Eindruck. So stellt man sich einen Weltumsegler vor. Wir fahren vom Parkplatz. Frank steckt seine Kreditkarte in den Schlitz fuer den Parkschein. Die Kreditkarte kommt nicht mehr raus: Alles Perfekt? Spaeter auf der Jucunda reden wir noch kurz ueber die guten Wetteraussichten, und dass ich noch unbedingt mit zu den Italienern mit aufs Nachbarboot muesste. Die feiern heute den Nationalfeiertag Sardiniens. Na, dass kann ja zu zweit ne schoene 800 sm Butterfahrt nach Bermuda werden und ich soll darueber auch noch einen Gastbeitrag schreiben.

break/30.04.2016 Wir sind seit zwei Tagen unterwegs. Hab die ersten Sonnenauf- und untergaenge und phantastische Sternenhimmel gesehen. Machmal haben Nachtwachen auch Vorteile. Mittlerweile habe ich Frank und Jucunda noch besser kennengelernt. Die Beiden sind schon ein starkes Team. Und auch der Neue wird als Teammitglied akzeptiert. Alles Perfekt? Nee, hab beim Autopiloten aus Versehen auf den falschen Knopf gedrueckt und dann mit Frank unter Deck das Wetter besprochen. Statt auf Kurs zu bleiben gondelt Jucunda in der Gegend rum und produziert eine Patenthalse. Aber nach und nach lerne ich auch die Dame Jucunda zu verstehen. Wir sind gemeinsam mit der “Victoria” als Flottille auf dem Weg. Auf der “Victoria” segelt ein Ehepaar mit zwei Kindern. Es besteht stetiger Funkkontakt. Die Italiener segeln mittlerweile auf eigenem Kurs. Am Mittag des zweiten Tages kommt Nervositaet auf, weil die Wetterdaten sich vollstaendig veraendert haben. Die Jucunda verfuegt ueber eine technische Ausstattung um Wetterdaten abrufen und auswerten zu koennen, fuer die man nur eine einzige Benotung vergeben kann: Mehr als Alles Perfekt! Dennoch werden Daten mit der Victoria ausgetauscht und auch zusaetzlich Wetterinformationen von Freunden in Deutschland eingeholt. Das Problem: auf der direkten Ostroute nach Bermuda hat sich ein Tiefdruckgebiet aufgebaut. Frank hat in seinem Blog die Bedrohung durch dieses Tief aus seiner Sicht des Mathematikers und Physikers technisch kuehl und klar analysiert. Dem ist nichts hinzuzufuegen. Ausser, dass ich bei Guenter Jauch bei der Millionen Frage geantwortet haette: die Beaufort Skala hoert bei 12 auf. Nix da mit der Million, 50,00 . Die Windstaerke im Kern unseres Tiefs liegt laut den vorliegenden Daten bei Beaufort 13 mit 72 Knoten Wind, dass sind ca. 133 km/h! Fragen? Im Folgenden moechte ich Euch die Ereignisse dieser Nacht und des folgenden Tages ueber die technischen Details hinaus aus meiner persoenlichen, mehr emotinalen Sicht schildern, um einen kleinen Einblick in die Gefuehlswelt dieser kleinen Seglergruppe vermitteln zu koennen. Nachdem klar war, dass wir nicht weiter Richtung Ost segeln konnten, wurden GEMEINSAM Alternativvorschlaege diskutiert. Im Ergebnis wurde entschieden, eine zeitlang in Richtung Westen zu segeln, um Zeit zu gewinnen bis das Tief weit genug in Richtung Osten abgezogen ist, um dann die Wegstrecke nach Bermuda gefahrlos angehen zu koennen.

Frank konnte aufgrund der vorliegen Daten bis auf die Stunde genau berechnen wie lange dieser Weg bis zum Umkehrpunkt dauern sollte. Wir wollten der Natur ein Schnippchen schlagen. Also drehten wir auf Gegenkurs – fuer manche zu Hause die uns per yellow brick verfolgen wahrscheinlich vollkommen unverstaendlich – und segelten Richtung amerikanische Kueste. Auf dem Weg dorthin passierte uns eine Front mit bis zu 25 Knoten Wind und Regen. Jucunda hat sich nur geschuettelt und zufrieden gebrummt. Danach kam die Sonne raus und wir sind weiter bei sternenklarer Nacht auf unseren Wendepunkt zugesegelt. Alles Perfekt! Denkste! Mutter Natur wollte sich von uns Wichten nicht ueberlisten lassen. Sie hatte am Horizont eine dunkle schwarze Wand fuer uns aufgebaut. Voll mit Wetterleuchten. Shit happens. Nach kurzer Ueberlegung haben wir den Kurs um 180 Grad geaendert, um dieser Wand voller Blitze aus dem Weg zu gehen. Mutter Natur zog nach und kreiste uns ein. Nix mehr Sterne, pechschwarze Nacht, nur unterbrochen durch das Wetterleuchten. Auch der Mann im Mond hatte vorsichtshalber den Vorhang zugezogen. Und dann schlief der Wind ein. Da Frank und ich das gleiche Wetterbuch gelesen hatten, wussten wir, dass eine Gewitterzelle bevor sie mit einer Boeenwalze losbricht, sich zunaechst zur Verstaerkung noch den Bodenwind der Umgebung reinzieht. Das fuehrte dazu, dass wir zweimal profundes Halbwissen in einmal gesunden Menschenverstand ummuenzten und sofort alle Segel bis auf einen kleinen Restfetzen Genua refften. Und dann… passierte nichts. Die Natur kreiste uns immer mehr ein und liess uns aber noch mindestens eine Stunde im Dunkeln zappeln. Wahrscheinlich lachte sie sich ins Faeustchen und amuesierte sich ueber die kleinen, einsamen Schiffchen da unten auf dem grossen Teich. Erinnerungen an das Buch “Der Schwarm” kamen in mir hoch. Wir haben dann nicht mehr viel geredet,sondern uns auf die naeher kommenden Blitze konzentriert. Jedenfalls hatten wir den hoechsten Mast und keiner wollte sich vorstellen, was wir nach dem Ausfall all unserer Elektronik noch haetten machen koennen. Frank startete noch schnell den Motor bevor auch dies evtl. unmoeglich wurde. Dem Rheinlaender helfen in solchen Situationen die ersten Paragrafen des Rheinischen Grundgesetzes.

1 Et kuett wie et kuett! >Translaeschion> Es kommt wie es kommt!
2 Et haett noch imme joot jejannge! >Translaeschion> Es ist noch immer gut gegangen!

Anderseits endet der Atheismus bei den Seglern spaetestens dann, wenn die Bodenbretter hoch kommen!! Tja, und dann ging fuenfzehn Minuten der Punk ab. Oder auch laenger oder kuerzer. Keine Ahnung. Dies zu beschreiben fehlen mir die Worte. Haben es aber alle gut ueberstanden. Siehe Paragraf 2! Sind dann weiter Richtung Ost und bemerkten, dass wir unserem Tief zu nahe kommen wuerden. Also hat Frank schnell mal auf dem Bierdeckel den neuen olympischen Dreieckskurs ausgerechnet. Mehr als Alles Perfekt! Jucunda hat dann in den naechsten Stunden bis zum fruehen Morgen 30-35 Knoten Wind abgewettert, Regen ohne Ende vor den Bug bekommen und brav Franks Dreieck abgesegelt.

Und ist somit ein Schiff, dass aus einem “Bermuda Dreieck nach Frank” wieder erfolgreich in die Sonne gesegelt ist. Alles Perfekt! Und dann sassen wir am Mittag hundemuede – wir haben zwei Tage kaum geschlafen – im strahlenden Sonnenschein auf unserer Terrasse – auf der es nur Kaennchen gibt- schauten aufs Meer und fuehrten Maennergespraeche. Fuer die Nichtsegler, die Terrasse ist das Cockpit eines Segelschiffes. Fuer die garnicht Segler. Die Terrasse oder das Cockpit eines Segelschiffes ist der hintere, offene Bereich mit zwei gegenueberliegenden Baenken, auf denen die Crew sitzen darf. In der Mitte aber steht das Steuerrad. Da arbeitet der Mann, der immer am Rad dreht. Wie wir da nun sitzen und den Wellen zusehen, die unsere Jucunda immer schoen 3-4 Meter anheben und dann runtersurfen lassen schlage ich Frank vor, er solle doch zur Verschoenerung ein paar Geranienkaesten am Heckkorb seiner Jucunda anbringen. Ihr koennt Euch die Antwort denken: Alles NICHT Perfekt!

P.S: Mal gespannt wie es mit der Reise weiter geht? Draussen ist grad Wetterleuchten!